Erwin Strittmatter
sorbisch-deutscher Schriftsteller

Erwin Strittmatter (1912–1994) war einer der bekanntesten und meistgelesenen Schriftsteller der DDR. Seine Werke wurden in 38 Sprachen übersetzt und waren sowohl in der DDR als auch nach der deutschen Wiedervereinigung sehr populär. Besonders seine Romane „Ochsenkutscher“„Der Wundertäter“ und „Der Laden“ machten ihn bekannt. Ein zentraler Grund für seinen Erfolg war sein unverwechselbarer Sprachstil sowie seine enge Verbindung zur Landschaft und Kultur der Niederlausitz, die er in vielen seiner Werke literarisch darstellte. In seinen Romanen verarbeitete er häufig autobiografische Erfahrungen und beschrieb das Leben einfacher Menschen in Zeiten großer historischer Umbrüche.

Strittmatter wurde am 14. August 1912 in Spremberg als Sohn eines Bäckers geboren. Ein Teil seiner Familie war sorbischer Herkunft, was seine sprachliche und kulturelle Prägung beeinflusste. In seiner Kindheit wuchs er zunächst unter schwierigen Bedingungen während und nach dem Ersten Weltkrieg auf. Die Familie zog später nach Bohsdorf, wo seine Eltern ein Kolonialwarengeschäft mit angeschlossener Bäckerei betrieben. Der wirtschaftliche Erfolg der Familie brachte ihnen zunehmendes Ansehen im Dorf.

Seine Schulzeit war von Konflikten geprägt. In der Dorfschule erlebte er einen strengen Unterrichtsstil, der seine Abneigung gegen die Schule verstärkte. Zwar erhielt er später einen Platz am Gymnasium in Spremberg, doch hatte er dort zunächst große Anpassungsschwierigkeiten. Als naturverbundener Dorfjunge fühlte er sich in der städtischen Umgebung fremd. Mit der Zeit fand er zwar Anschluss, verlor jedoch als Jugendlicher zunehmend das Interesse am Unterricht. Aufgrund schwacher Leistungen musste er 1930 das Gymnasium ohne Abschluss verlassen. Danach begann er eine Bäckerlehre, die er jedoch als belastend und wenig erfüllend empfand.

In den folgenden Jahren arbeitete Strittmatter in verschiedenen Berufen, unter anderem als Bäckergeselle, Kellner, Chauffeur und Hilfsarbeiter. Gleichzeitig blieb sein Interesse an Literatur bestehen: Er schrieb Gedichte, machte Notizen und beschäftigte sich mit philosophischen und literarischen Themen.

Erwin Strittmatter war im Zweiten Weltkrieg nicht Soldat der Wehrmacht, sondern Mitglied eines Polizeibataillons. Zu Beginn des Krieges arbeitete er in einer Zellwollfabrik, deren kriegswichtige Produktion seine Einberufung zum Militär zunächst verhinderte. Dennoch zeigen Dokumente und Briefe, dass er sich mehrfach freiwillig zum Militärdienst meldete, unter anderem bei der Wehrmacht, der Schutzpolizei und sogar bei der Waffen-SS. Eine Bewerbung bei der Waffen-SS im Jahr 1940 belegt, dass er die Aufnahmeprüfung bestand, letztlich jedoch wegen seines Alters nicht aufgenommen wurde.

Die Gründe für seine Bemühungen um den Militärdienst waren vielschichtig. Laut seiner Biografin Annette Leo spielten familiärer Druck, persönliche Probleme in seiner Ehe sowie der Wunsch nach finanzieller Sicherheit eine Rolle. Außerdem wollte er der gesundheitsschädlichen und ungeliebten Arbeit in der Fabrik entkommen.

Nach einer Ausbildung zum Wachmeister in der Schutzpolizei wurde Strittmatter 1941 in verschiedene Regionen Europas entsandt, darunter Slowenien, Polen, Jugoslawien, Finnland und Griechenland. In Briefen beschrieb er militärische Einsätze gegen Partisanen sowie seine Erlebnisse im Krieg, darunter auch den zunehmend brutalen Umgang mit der Zivilbevölkerung.

Ab 1944 arbeitete Strittmatter als Kriegsberichterstatter bei der Film- und Bildstelle der Ordnungspolizei in Berlin. Gegen Ende des Krieges versteckte er sich vermutlich mit gefälschten Papieren in Böhmen, bis er von amerikanischen Truppen verhört und anschließend als Zivilist entlassen wurde.

Nach dem Krieg machte Strittmatter unterschiedliche Angaben zu seiner Rolle während des Krieges und verschwieg teilweise wichtige Details. Zwar verarbeitete er einige Erfahrungen literarisch, etwa im Roman „Der Wundertäter“, setzte sich jedoch nur begrenzt kritisch mit seiner eigenen Beteiligung auseinander. Dieses Verhalten kann als typisch für die sogenannte „Generation des Schweigens“ gesehen werden.

In den folgenden Jahren trat Strittmatter in die SED ein und arbeitete zunächst als Lokalredakteur und veröffentlichte 1950 seinen ersten Roman „Ochsenkutscher“. Er entwickelte sich zu einem bedeutenden Autor der DDR-Literatur. Auch seine Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht am Berliner Ensemble prägte seine Kunst. Werke wie „Tinko“ oder „Ole Bienkopp“ gehörten zu den meistgelesenen Büchern der DDR.

Mit seinem Erfolg geriet Strittmatter auch in den Blick des Ministeriums für Staatssicherheit. Ende der 1950er Jahre führte er Gespräche mit dem MfS, zog sich jedoch später zunehmend aus politischen Funktionen zurück und konzentrierte sich stärker auf seine literarische Arbeit. Trotz wachsender Skepsis gegenüber der Parteiführung blieb er Mitglied der SED, um Konflikte zu vermeiden und sein schriftstellerisches Schaffen nicht zu gefährden.

1954 zog Strittmatter mit seiner Frau Eva auf den Schulzenhof in Brandenburg, wo er in ländlicher Umgebung lebte und arbeitete. Die Nähe zur Natur und zum Dorfleben war für ihn eine wichtige Inspirationsquelle. Auch nach der politischen Wende 1989 blieb er erfolgreich. Besonders der dritte Teil seiner Romantrilogie „Der Laden“ brachte ihm erneut große Aufmerksamkeit.

Erwin Strittmatter starb am 31. Januar 1994. Er hinterließ ein umfangreiches literarisches Werk, das das Leben der einfachen Bevölkerung, die Geschichte des 20. Jahrhunderts und die Kultur seiner Heimatregion eindrucksvoll widerspiegelt.

 

Auszüge aus seinem literarischen Schaffen:

 

Literatur:

 

Nachtrag:

Die vorgelegten Fakten bezüglich seiner Bewerbung zur Waffen-SS als auch seine bekannte Tätigkeit als GI „Dollgow“ erzeugen neue Spannungsfelder in seiner Biografie, die Interpretationen zwischen systemnahem Anerbieten bis systembedingter Anpassung eröffnen.

Diese biografischen Brüche eigenständig werten zu können, erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit Strukturen und Wirkungsweisen dieser früheren Diktaturen. Hier sehen wir als Lehrkräfte dieser Schule die Chance unsere Schülerinnen und Schüler in offener Diskussion zum historischen Denken und Werten zu animieren.

Auch heute sind seine literarischen Werke aufgrund ihres humanistischen Grundanliegens lesenswert. Seine Bezüge zur Zeit- und Ortsgeschichte weisen ihn auch weiterhin als den bedeutenden Schriftsteller unserer Region aus.